Robert Altermoser mit bulgarischem Straßenhund Robert Altermoser, Gründer der Tierschutzorganisation Everydaystray

Interview zwischen Cloud7 und Robert Altermoser, Gründer der eingetragenen Tierschutzorganisation EVERYDAYSTRAY

Wie bist du darauf gekommen, die Organisation zu gründen?

Nachdem ich einige Monate in Bulgarien, Rumänien und Griechenland gelebt habe, um in Tierheimen freiwillige Arbeit zu leisten, fiel mir auf, wie groß die Not wirklich ist. Tagtäglich wurden mehr und mehr Straßenhunde in die Shelter gebracht, sodass ein Mitarbeiter über 100 Tiere am Tag betreuen sollte. Diese Aufgabe erschien mir langfristig unmöglich zu leisten, daher wollte ich der Problematik intensiver auf den Grund gehen.

Warum sind die Straßenhunde in Osteuropa in so großer Not?

Das Ursprungsproblem sind wie so oft leider die Menschen. Sie setzen ihre Hunde aus, wenn sie diese nicht mehr füttern wollen, unerwünschte Welpen geboren werden oder ihr „Job“ erfüllt ist. Dort auf der Straße sind sie völlig auf sich alleingestellt. Es ist kalt und es gibt kaum Fressen. Die Hunde, die wir heutzutage kennen, sind aber von Menschen gemacht, es sind also kaum noch wilde Instinkte übrig, sodass viele davon, vor allem die Welpen, schon nach kurzer Zeit sterben. Den Straßenhunden wird außerdem häufig Hass und Wut entgegengebracht. Sie wirken aufgrund ihrer steigenden Zahl immer mehr wie eine Art schmutzige Plage, die auf der Straße ihr Unwesen treibt. Der Status der Hunde innerhalb der Gesellschaft sinkt also weiterhin; dementsprechend schlecht werden sie auch behandelt.

Wo liegt der Schwerpunkt der Organisation?

Wir möchten das Mensch-Hund-Verhältnis zueinander sowie das Leben der Straßenhunde langfristig verbessern. Dies ist nur möglich, wenn wir den Ursprung der vielen Straßenhunde finden und „besiegen“. Unser Ansatz ist Aufklärungsarbeit und im ganz großen Rahmen die Kastration von Streunern. Denn die Unwissenheit über das Thema Kastration führt zu einem massiven Problem, welches die Wurzel jeglicher Population von Straßentieren ist: Wenn unkastrierte Hunde immer weiter ausgesetzt werden, werden diese schnell auf weitere unkastrierte Hunde treffen und sich massiv vermehren. Darum haben wir ein Programm ins Leben gerufen, welches seinen Schwerpunkt sowohl auf die kostenfreie Kastration von Streunern legt, als auch auf die Kastration von frei herumlaufenden Haushunden bulgarischer BesitzerInnen, die selbst wenige finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Für viele in Bulgarien lebenden Menschen gilt es als Makel, wenn der eigene Hund kastriert und somit impotent oder unfruchtbar ist – und das obwohl sie die durch das freie Herumlaufen entstehenden Welpen weder behalten noch vermitteln möchten. Es muss also neben dem Kastrieren auch noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, um ein Umdenken stattfinden zu lassen. Zusätzlich beinhaltet das Programm auch das Chippen von Hunden sowie das Ausstellen eines Passes. Durch dieses Vorgehen wird es für Besitzer schwieriger, die Tiere einfach auszusetzen.

Warum baut ihr keine Shelter, damit mehr Hunde dort unterkommen können?

Selbstverständlich ist jeder gerettete Hund für uns ein Gewinn. Wir wollen jedoch weitergehen als das, denn auch wenn Shelter vielen Hunden bessere Optionen bieten als das Leben auf der Straße, kommen diese Shelter leider auch sehr schnell an ihre Grenzen. Wenn so viele Hunde aufgenommen werden würden wie nötig kämen die Shelter schnell an ihre logistischen und wirtschaftlichen Grenzen. Eine langfristige Lösung des Problems ist der Bau von Tierheimen allein also leider nicht. Ein Beispiel: Ein gigantisches Shelter für 10.000 Hunde kann problemlos innerhalb eines Jahres gefüllt werden. Dieses Heim benötigt dabei enorm viele Ressourcen. Haben wir nun aber etwas am Ursprungsproblem der Straßenhunde verändert? Es würden leider dennoch täglich neue Welpen auf den Straßen ausgesetzt werden, die sich in der freien Wildbahn immer weiter vermehren würden. Langfristig gesehen hätten wir somit also keine Lösung gefunden. Wir möchten einem anderen Ansatz nachgehen und dafür sorgen, dass nicht immer mehr Straßenhunde geboren und diesem Problem ausgesetzt werden.

Vermittelt ihr auch Hunde?

Für unsere momentane Größe vermitteln wir schon eine sehr hohe Anzahl an Hunden. Immer wieder finden wir ausgesetzte Welpen und Streuner, die wir einfach nicht auf der Straße lassen können. Wir bemühen uns dann, für diese Tiere so schnell wie möglich ein endgültiges Zuhause zu finden. Ich liebe jeden einzelnen dieser Hunde und versuche daher um jeden Preis alles, ein gutes Zuhause für sie zu finden. Diese Vermittlungen bedeuten aber einen großen zeitlichen Aufwand, den wir versuchen wirklich gering zu halten. Die Vermittlung ist für ein Land wie Bulgarien eine eher kurzfristige Lösung, für den einzelnen Hund eine extreme Verbesserung bedeutet aber keine nachhaltige Veränderung oder Verbesserung der allgemeinen Lage mit sich bringt.

Versorgt ihr auch Hunde, denen es medizinisch schlecht geht?

Wir haben inzwischen ein gutes Netzwerk an Tierärzten und Helfern, die sich um verwundete und verstörte Hunde kümmern. Niemals würden wir ein leidendes Tier einfach liegen lassen. Auch bevor es nach einer erfolgreichen Vermittlung zur neuen Familie geht, werden die Hunde gesund gepflegt.

Wozu genau werden die Spenden benötigt?

Die Spenden werden zum größten Teil für Tierarztkosten eingesetzt. Des Weiteren kaufen wir davon Verpflegung für die Hunde und bezahlen die Benzinkosten; denn um die Teilnahme am Kastrationsprogramm für die Hundebesitzer so simpel wie möglich zu gestalten, bieten wir auch die kostenlose Abholung und Ablieferung der Hunde an. Die weiten Wege kosten natürlich ihren Preis. Weiterhin sind wir permanent am Renovieren der Verpflegungs- und Aufenthaltsorte, an denen die Tiere nach der Operation bleiben können oder diejenigen Hunde unterkommen, die wir an ein neues Zuhause vermitteln.

Was sind die Ziele von EVERYDAYSTRAY?

In den meisten Ländern ist bereits angekommen, dass der Hund ein Sozialpartner ist und nicht nur ein Mittel zum Zweck. Man muss sich um sie kümmern und ihnen Zuneigung schenken. Ihnen mit Empathie begegnen. Auf sie achten, damit sie weiterhin ihre Freiheiten genießen können. Wir sind der Meinung, dass durch jeden kastrierten Hund besonders nachhaltig Tierschutz betrieben wird, sodass jeder einzelne eine Zukunft mit besseren Lebensstandards vor sich hat. Im Optimalfall wäre die Hundepopulation dementsprechend bereits in den nächsten fünf Jahren insofern minimiert, dass es allen Beteiligten besser geht. Gemeinsam mit festangestellten Tierärzten und freiwilligen Helfern werden wir unseren Zielen in schnellen Schritten vorankommen.

Seit Mai 2020 gibt es ja große Neuigkeiten – möchtest du uns kurz darüber erzählen?

Ja! Wir haben ein Grundstück in Sevlievo gekauft, um ein offizielles und komplett lizensiertes Shelter zu bauen. Es ist die perfekte Basis für das kostenfreie Kastrationsprogramm mit 2000 Quadratmetern Land, Platz für ein Büro, eine Klinik und Übernachtungsmöglichkeiten für Hunde und freiwillige Helfer. Tagsüber haben die Vierbeiner ausreichend Platz, um frei herumzuspazieren. Natürlich muss das Gelände komplett renoviert werden, wir sind aber motiviert und freuen uns schon sehr auf die Arbeit.

Und wie kam es dazu?

Inzwischen gibt es mehr Adoptionsanfragen als wir tatsächlich Hunde haben, die ein neues Zuhause suchen. Und das ist einfach großartig. Neil und ich leben jedoch auf einem Privatgrundstück, sodass wir momentan nur circa 25 Hunde auf einmal retten und vorübergehend bei uns wohnen lassen können. Mit dem neuen Heim werden wir eine Kapazität von ungefähr 50 Hunden. Vereinfacht gesagt können wir so deutlich mehr hilfebedürftige Straßenhunde unterstützen.

Und wie geht es mit dem Kastrationsprogramm weiter?

Das Kastrationsprogramm erlangt unter den Einheimischen immer mehr Bekanntheit, sodass mehr und mehr Hundebesitzer ihre freilaufenden Haustiere kastrieren lassen. Genauso wie bei der Vermittlung sind wir jedoch auch bei diesem Thema stark begrenzt, da wir viel Zeit für die Logistik der Hunde von A nach B, zum Tierarzt und wieder zurück verbringen. Auch dafür entwickeln wir nun eine Lösung: Es wird innerhalb des Shelters einen hauseigenen Tierarzt geben, der jeden zweiten Tag Hunde operieren kann. Dort können die Hunde dann auch übernachten, um noch effizienter behandelt zu werden. Dadurch sollte die Anzahl der von uns kastrierten Straßenhunde im Laufe der Zeit deutlich steigen.

Werdet ihr dann trotzdem noch auf den Straßen unterwegs sein?

Ja. Um ehrlich zu sein haben wir uns bisher jahrelang ohne offizielle bulgarische Lizenzen um die Streuner gekümmert. Auch das haben wir inzwischen geändert, um ohne Probleme arbeiten zu können. Um alle Unterlagen zu bekommen, war es ein langer Weg, was sicher alle mitbekommen haben, die uns auf den sozialen Netzwerken verfolgen. Es ist uns jedoch äußerst wichtig, 100% legal zu agieren, um die Organisation noch weiter auszubauen und in Zukunft noch viel mehr Hunden helfen zu können – dazu müssten wir laut Gesetz in einem Shelter eingestellt sein. Aus diesem Grund bauen wir nun unser eigenes, das komplett unseren Vorstellungen von Nutzen für die Hunde entspricht.

Seid ihr manchmal auf der Suche nach freiwilligen Helfern?

Wir erhalten schon seit der Gründung von everydaystray regelmäßig Anfragen von Freiwilligen, die uns gerne unterstützen würden. Ich muss aber sagen, dass Neil und ich nicht gerade gemäß dem „mitteleuropäischen Standard“ leben, weshalb es uns leider nicht möglich ist, Gäste zu beherbergen. Das ist extrem schade, da jede helfende Hand Vieles bewirken könnte. Wir planen jedoch auf dem neuen Grundstück auch zwei kleine Häuschen für Helfer, sodass bis zu vier Freiwillige dort unterkommen können.

Interview geführt am 18. Februar 2020. Update hinzugefügt am 31. Mai 2020.